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Jean van Daalen oder der Herr des Lichts

 Ausstellung am 5. September 1997

 Rathaus Aalen

 Die Ausstellung zeigt neben vielen alten Photographien, wie in Aalen die "Bilder laufen lernten"

 Der aus dem niederländischen Leeuwarden stammende Lichtbildner Jean van Daalen eröffnete 1894 sein Atelier in Aalen an der Ecke Bein-Bahnhofstrasse. Für diese Zeit keineswegs selbstverständlich, betrieb er weitere Studios in Nördlkingen, Schwäbisch Gmünd und Ulm.

Neben der herausragen Qualität seiner Porträts oder Stadtansichten ist sein Interesse für das "bewegte Bild" besonders bemerkenswert. 1909 nahm unter seiner Leitung das erste Aalener Kino den Betrieb auf.

Exponat Nr. 1


Am 16. Februar 1901feierte der wohl vornehmste Verein Aalens, die Bürgergesellschaft", ihr 60jähriges Jubiläum mit einem "Projektions-Vortrag", den Jean van Daalen als angesehenes Vereinsmitglied präsentierte.

Exponate Nr. 2, 3, 4
Die beiden ländlichen Szenen wie auch das Selbstbildnis im Jägerkostüm sind keine  Auftragsarbeiten, sondern Jean van Daalen fertigte die Gemälde in seiner Freizeit. Wie hoch der Anteil an Auftragsmalerei in seiner "Kunslanstalt für Photographie und Malerei", Bahnhofstraße 23, war, ist bislang nicht bekannt.

Exponat Nr. 5 a
Das Atelier Jean van Daalens befand sich in dem Gebäude Ecke Bahnhofstraße/Beinstraße im ersten Geschoß. Auf den Fotos sind neben den Eingangstüren im Erdgeschoß die Schaukästen deutlich zu erkennen. Eine kleine Galerie mit" beispielhaften Photographien erwartete die Besucher auch im Eingangsbereich des Ateliers. Über demselben befand sich ein Glasdach, dessen Lichteinfall vom Inneren aus mit Stoffbahnen reguliert werden konnte.Die jeweiligen Kulissen (Vorhang oder gemalter Hintergrund), sowie die Requisiten (Tische, Bänke, Stühle und das legendäre Bärenfell) sind ebenfalls deutlich zu erkennen.

Exponat Nr. 5 b
Jean van Daalen war am 8.11.1803 durch seine k.u.k. apostolischen Majestät in Wien,Kaiser Franz Josef, zum Hofphotographen ernannt worden. Er hatte die Uniformen der österreichischen Arme fotografiert und dem Kaiser zugeeignet.
Den Kontakt zu der Kundschaft aus "höheren Kreisen " suchte der Fotograf immer wieder Am 20.6. 1897 meldete die Kocher-Zeitung, daß der Aalener Bürger Jean van Daalen von seiner Majestät König Wilhelm II. von Württemberg ausgezeichnet worden sei. Neben seiner Mitgliedschaft in der Bürgergesellschaft (Jean van Daalen als "Ritter" ganz rechts) dokumentiert das Foto der Hochzeitsgesellschaft van Daalen/Rieger die Zugehörigkeit zu den höheren Kreisen der Aalener Gesellschaft.

Exponat Nr. 6
Zwar bemühte sich Jean van Daalen auch von Aalen aus um Aufträge aus adligen Kreisen.Wie am Beispiel der Jagdgesellschaft des Fürsten von Thurn und Taxis zu sehen ist,die im Jahre 1921 auf dem Härtsfeld abgehalten wurde, waren seine Bemühungen jedoch nicht immer erfolgreich. Die Aufnahmen machte der Fotograf zunächst auf eigene Rechnung, um sie
dann in einer Art Präsentationsmappe dem möglicherweise interessierten Fürsten zukommen zu lassen. Wie dem Antwortschreiben aus der Kanzlei derer von Thurn und Taxis zu entnehmen ist, erhielt allerdings ein Regensburger Fotograf den Zuschlag.

Exponate Nr. 7 und 8
Um geschäftlich erfolgreich zu sein, genügte es nicht, daß ein Berufsfotograf handwerklich einwandfreie Bilder liefere, sie mußten auch "marktgerecht" aufbereitet sein. Hintergründe, Ateliermöbel oder Requisiten halfen hier ebenso wie selbstgefertigte Vignetten oder Hintergrundfolien. Gruppenbilder wie die des Gesangsvereins "Concordia-Wasseralfingen"und des "Liederkranzes" bzw. der "Harmonia" entstanden, indem die im Studio fotografierten Personengruppen auf dem gemalten Bildhintergrund zusammengefügtund arrangiert wurden. Voraussetzung für diese Montagen war ein genau überlegter Plan, nach dem man die einzelnen (Srüppchen zusammenstellte und ablichtete, um sie später - perspektivisch richtig -aufeinader bezogen erscheinen zu lassen.

Exponate Nr. 9 und 10
Die Aufnahmen von- Oberbürgermeisters Schwarz (1903 -1934) sowie des Stadtschultheißen Paul Maier (1900 -1902) verdeutlichen die Möglichkeit der Portraitherstellung außerhalb des Ateliers bzw. das Überschreiten der standardisierten Formate bei spezieller Auftragslage. Bei beiden Fotos handelt es sich um teurere, auf Repräsentation ausgelegte Großformate, was durch die individuelle und aufwendige Rahmung noch unterstrichen wird.

Exponate Nr. 11 und 12
Kindheit - Jugend - Heirat - Familie, dies waren bildwürdige Stationen im Lebenslauf, die als Einschnitte oder Übergänge zwischen Altersstufen und gesellschatlichen Verhältnissen galten und als solche gefeiert wurden.Die Personen aus Nördlingen (Exp. 11, obere Hälfte) aus Schwäbisch Gmünd (Exp.12, untere Hälfte) sowie aus Heilbronn (Exp. 12 obere Hälfte) und Aalen (Exp. 12 untere Hälfte) ließen sich zu solchen Gelegenheiten in den Ateliers van Daalens ablichten.
Unabhängig von der geographischen Distanz zwischen den Ateliers läßt sich eine Standardisierung von Posen und Anordnung der Abgebildeten festellen, die nur zum Teil auf technische Gegebenheiten zurückzuführen ist. In den Aufnahmen spiegelt sich die familiäre Hierarchie ebenso wie die beruflich und soziale Zugehörigkeit der Abgebildeten.

Exponat Nr. 13 a und 13 b
Die Gruppenaufnahme vor der Bohlschulturnhalle entstand 1906 zum sojährigen Jubiläum der Aalener Feuerwehr. Die Männer sind entsprechend ihren Aufgaben gruppiert. Die Inszenierung einer Übung an einem neu errichteten und großen öffentlichen Gebäude zielte darauf ab, Einsatzfreude und "Schlagkraft" zu dokumentieren. Es zierte das Stammlokal, in dem sich die Feuerwehrmänner trafen. Die Vervielfältigung dieses "Augenblicks eines Zusammenstehens  wurde auch in anderer Form reproduziert. Die im Betrachtungsgerät zu sehende Postkarte ließ 1ooo mal (= Auflagenhöhe) Erinnerung  an das Fest, aber auch Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung zu.

Vitrine
Aufbewahrungsort für die Visit- und Kabinettfotografien war das in Plüschsamt oder Leder gebundene Album. Bereits in den 1860er Jahren waren sogenannete Steckalben auf den Markt gekommen.Ihre aufwendigen Prägemotive und die obligatorische Schließe ließen sie eher einer Schatulle gleichen als einem Buch. Die Zusammenstellung der Seiten läßt sich heute oftmals nicht mehr nachvollziehen, da die Alben größtenteils unbeschriftet sind. Maßgeblich für die Zusammenstellung dieser "privaten Minigalerien" dürften die jeweilige Familiengeschichte bzw. die Vorstellungen und Sehnsüchte der Besitzer gewesen sein. Nur diese besaßen den Schlüssel - im wörtlichen und im übertragenen Sinne.


Exponate Nr. 14-17
Der um die Jahrhundertwende verstärkt einsetzende Ansichtskartenboom eröffnete dem Fotografen
ein neues Betätigungsfeld. Die panoramaartigen Stadt bzw. Detailansichten einzelner Gebäudekomplexe  wurden nach der Anfertigung und Bearbeitung durch Jean van Daalen von dem Aalener Postkartenverlag Palm und Stützelübernommen und gedruckt.

Exponat Nr. 18
Beide Aufnahmen entstanden während eines Faschingsumzugs um 1905. Als Beispiele der "Momentphotographie" sind sie auf  der Höhe der Zeit. Bewegung als Stillstand darzustellen, war das Ziel der Aufnahmen: sie simulieren damit den Augenblick.  Man hat die Momentfotografie als einen der wesentlichsten Schritte auf dem "Weg des Films" bezeichnet.  Es scheint nur konsequent wenn Jean van Daalen von dem Momentbild zum bewegten Bild des Kinematographen fand.

Exponat Nr. 19
Bereits um die Jahrhundertwende hatten die Aalener Bürgerinnen und Bürger Gelegenheit, sich von den laufenden Bildern  der Wander-Kinematographen faszinieren zu lassen. 1909 eröffnete Jean van Daalen in einem Anbau seines Hauses den ersten stationären Kinematographien. Der Raum war ca. 14 Meter lang und 4 Meter breit. Den Vorführraum im Rücken, konnte das Publikum am Wochenende in 16 Reihen Platz nehmen und das Programm genießen. Weshalb Jean van Daalen das Lichtspieltheater 1912 bereits wieder zum Verkauf anbot, ist nicht bekannt.

Exponat Nr. 20
Im Frühjahr 1913 eröffnete der Harmoniewirt Eberhard Wagner in einer umgebauten Scheune hinter der Gastwirtschaft sein eigenes Lichtspielhaus mit dem Namen Union-Kino. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kaufte Jean van Daalen das Anwesen und betrieb das Lichtspieltheater unter gleichem Namen bis 1936. Gleich daneben entstand das neue Union-Kino. Es wurde beim Angriff auf den Aalener Bahnhof am 17. April 1945 total zerstört wurde.


Exponat Nr. 21
Am 10. Februar 1950 wurde das neu erbaute Union-Theater feierlich eröffnet. Als Festprogramm war zusehen: "EROIKA" mit Ewald Baiser und Marianne Schönauer. Jean van Daalen erlebte diesen Tag nicht mehr, er war am 25.5.1949 verstorben. Es dauerte lediglich fünfzehn Jahre, bis nach der Umgestaltung des Kinosaals 1956 die Zeit der Großraumkinos abgelaufen war. 1971/72 stellte sich auch das Union-Theater auf diese Entwicklung ein, und betrieb ab Febraur 1972 zwei kleinere Kinos unter einem Dach. Das "Union III" wurde im Oktober 1980 in Betrieb genommen. Mit dem Beginn der Umgestaltung des neuen Zentralen Ommbusbahnhofes gegen Ende des Jahres 1995 ging die wechselvolle und 80 Jahre dauernde beschichte des Union-Theaters zu Ende.

 

 

Album